den Augenblick erkennen, den Moment erleben

1. Juli 2015

gelebt


Mensch, der Juni ist schon wieder rum und das erinnert mich doch ziemlich stark daran, dass das Jahr bald auch wieder vorbei ist - Semesterferien, Urlaub, Semesterstart, Antons Geburtstag, Weihnachten und dann ist das Jahr schon wieder rum. Puh. Es erinnert mich nur daran, aber ich genieße natürlich die Zeit, in der wir gerade stehen. Und der Juni war intensiv und schön.

gelebt: Das Studium hatte mich voll im Griff, drei Wochen lang habe ich mich verkrochen und intensiv gelernt, mich in die Themen P. W. Lewis, die Vortizisten und Willi Baumeister eingelesen, Latein etwas vernachlässigt, um es nach den Referaten wieder aufzugreifen. Es war ein harter Monat, weil zu wenig Zeit war für all die Aufgaben, die ich in diesem Semester habe und zu vielen Nachschichten. Nach sechs Tagen mit nur jeweils fünf Stunden Schlaf brauchte ich ein Tag Pause. Aber die einzelnen Auszeiten, vor allem mit der Familie waren umso schöner.
Ein Einkaufsbummel in Wiesbaden. Spielplatzbesuche und ein Kind, das hohe Gerüste erklettert. Das Baby einer guten Freundin sehen. Und sie als Mutter. Mit Freunden seit langer Zeit wieder einmal telefonieren. Selbstgemachte Post aus Berlin bekommen. Ein Familiengeburtstag. Ein Tag im Garten von Antons Großeltern verbringen. Kaffee und Kuchen auf dem Gartenfeldplatz-Fest. Im Zoo die größte Rutsche ausprobieren. Die erste eigene Rose aufblühen sehen. Lisa und Lisa endlich wieder sehen. Am Rhein picknicken. Eine gute Freundin mit dem Sohn in Frankfurt wieder treffen und dabei ein neues Café entdecken. Der Duft von frischgebackenem Brot.
gegessen bzw. gekocht und gebacken: Scones und Kräuterbrot gebacken, seit über einem halben Jahr wieder einen Döner gegessen (zur Feier, nach dem letzten Referat)
geklickt: Tipps für ein Bewerbungsschreiben bei Edition F, diese &Other Stories Bluse (ja oder nein?), nächster Buchkauf, die Künstlerin Jo Baer, Kamera Tipps von Lichtpoesie und der Online Shop Horses Atelier mit so schönen, schlichten Teilen
gelesen: Kunst hassen von Nicole Zepter
ausgestellt: Monet und die Geburt des Impressionismus im Städel Frankfurt und die Sammlung der Kunst der Moderne, die Sammlung des Museums Wiesbaden, die Ausstellungen Imagine Reality zur Ray Fotografie Triennale im MMK1 und im MAK Frankfurt, Nicht ohne meinen Wimpel im ruelle Raum Mainz
gemacht: Antons Zimmer ein bisschen umdekoriert, Regale ausgeräumt und die Babysachen in den Keller verfrachtet (endlich!)
gereist: ein bis zwei Mal pro Woche in Frankfurt gewesen und dort sehr schöne Stunden verbracht, gedanklich war ich in Paris und auf Mallorca
gekauft: eine Kette auf dem Flohmarkt (hui), Fund des Monats: zwei Paar Ledersandalen für Anton im tollen, kleinen Second Hand Laden Fliegenpilz in Wiesbaden
gewünscht: eine Reise nach Berlin (Ausstellung ImEx, Menschen besuchen, House of Small Wonder sehen, auf dem Flughafen Tempelhof spazieren gehen) 
gedacht: Mit der eingeschlagenen Richtung werde ich es in meinem zukünftigen Berufsleben nicht immer leicht haben. Ich mache mir viele Gedanken darüber, was es für mich heißt, dass ich Mutter bin und in Kunstbetrieben arbeiten möchte. Aber ich glaube an das Leben, an das Wissen und an glückliche Zufälle. Man wird sehen. 
geärgert: über das Bürgeramt - schon so viele Stunden habe ich darin verschwendet
gefreut: Wenn man das perfekte Buch für seine Hausarbeit findet. Über den Ausweis der Frankfurter Unibib und eine leere Kunstgeschichtsbibliothek in Frankfurt mit vielen Büchern, an die man sonst nicht kommt. Über drei Emails, die mich in den letzten Wochen erreicht haben. Peu à peu werde ich davon berichten.
geliebt: Mittagslunch- und Kaffeedates mit dem Mann in Frankfurt

In meinem Kalender stehen schon viele Termine für den Juli an - es geht also so weiter. Aber ich freue mich so sehr über diese vielen kleinen Ausflüge, Begegnungen und das langsame Erreichen von Zielen.

Habt einen schönen Juli!






















22. Juni 2015

Gedankenfragmente zu einem Leben mit Kunst


Dieser Moment, wenn man vor dem Museum steht und sieht, dass die groß diskutierte und vielversprechende Ausstellung bereits seit acht Tagen der Vergangenheit angehört. Es flattern via Emails und Facebook Einladungen zu den Ausstellungseröffnungen oder Presserundgängen ins Postfach. Doch die Termine passen (mal wieder) nicht, die Vernissagen beginnen zu spät, die Vorträge zu früh, manche Ausstellungsorte sind zu weit weg, um ihnen mal eben einen Besuch abzustatten. Mit Kind gestaltet sich das Ganze schwierig. Nicht unmachbar, aber schwierig. Doch mitten im Studium zieht es mich eben stark zu diesen Veranstaltungen und Orten. Noch viel stärker als bisher.  Ich sehe mit jeder nicht einlösbaren Einladung eine verpasste Chance, um Neues zu lernen, Bekanntes zu verifizieren, um zu genießen.


Ich liebe mein Studium. Und entgegen aller Erwartungen bin ich mit unserem Institut mehr als zufrieden. Die Veranstaltungen, die ich belege, sind spannend und fordern mich. Mit jedem Gespräch mit den Kommilitonen und Dozenten lerne ich mehr, schaffe Zusammenhänge und erfahre mich neu. Ich stehe in einem Prozess, in dem sich herauskristallisiert, worin ich gut bin und was mich wirklich interessiert. Dieser Prozess ist ganz natürlich, dafür braucht man kein Studium und das erlebt man auch in anderen Situationen. Doch fühle ich mich durch das Studium sehr stark mit diesem Prozess konfrontiert. Das ist etwas Gutes.

Das Besondere der letzten Wochen ist, dass sich mir immer mehr kunstgeschichtliche Verbindungen erschließen. Mein Themenschwerpunkt lag im letzten Jahr auf dem 20. Jahrhundert. Durch die Kontexte und durch das intensive Vorbereiten und Lesen für die Referate oder Hausarbeiten verstehe ich nun manches, das ich bisher nur beobachten konnte. In den letzten Jahren war ich hauptsächlich Konsument, doch nun ordnen sich die Dinge.

Ich bin wieder ein Bücherwurm geworden, würde am liebsten alles lesen, das sich mit den zu behandelnden Themen beschäftigt, liebe das Einarbeiten und werde vielleicht auch irgendwann gerne vortragen. Lass uns lieber in einem kleinen Kreis über die Minimal Art reden, über Inhalt und Form, über die Ausstellungskonzeption der Sonderausstellung xy, über Manifeste und Avantgarden.


Zwischendurch immer wieder der Gedanke: als Mutter werde ich es nicht unbedingt leicht haben. Die Arbeitszeiten lassen kaum Momente für Familie, das große Geld wird man auch nicht machen. Überspitzt formuliert. Vielleicht hätte ich mir ein anderes Arbeitsfeld suchen müssen. Aber wie soll das funktionieren, wenn mich gerade die Kunst so sehr packt? Ich bin mir sicher, dass ich auch "irgendwann irgendwie hineinrutschen" werde. Und egal wie unsicher mir momentan die Lage scheint, es geht nicht anders. Ich kann mich nicht nicht mit Kunst beschäftigen. Kunst macht mich glücklich.


Mit dem Plan, an dem Nachmittag ins Museum zu gehen, fuhren mein Sohn und ich nach Wiesbaden. Schon zu lange blätterte ich nur durch Bücher und sah keine Originale. Dieser Nachmittag stand unter einem guten Stern: Anton konnte bei der Tagesmutter nicht einschlafen und war somit nachmittags ziemlich müde. Als er im Kinderwagen einschlief, lief ich geradewegs auf das Museum Wiesbaden zu, um mir eine Auszeit zu gönnen.

Neunzig Minuten Ruhe und Stille. Das Schöne als Glücksversprechen nach Gadamer. Und welche Glückseligkeit. Ich begegne nur einer einzigen weiteren Besucherin, das Wetter zieht die Menschen nach draußen, nicht in die klimatisierten Räume. Doch das ist für mich genau richtig. Ich schaue mir die Sammlung an. Eigentlich sollte man es doch schaffen, regelmäßig hinzugehen, sein Auge zu schulen, sich vielleicht auch mal berieseln zu lassen oder Zusammenhänge zu schaffen. Ich durchquere den Beuys Raum, um links in einen großen Saal mit Nachbildungen von Marty Chalk von Arbeiten des russischen Futuristen Talin. Die Arbeiten werfen die Frage auf nach Rekonstruktionen und Originalen, was davon ist (noch) Kunst? Aber die Arbeiten interessieren mich. Assemblagen. Gerade davon gelesen, erst kürzlich ein gutes Referat über die Assemblage-Arbeiten von Picasso gehört. Später laufe ich in den großen Donald Judd Raum. Diese Ruhe. Ein bisschen fühle ich mich wie in einer Kapelle. Ein Ort, an dem ich mich am liebsten auf den Parkettboden setzen möchte, um mir dann die Zeit zum Sehen zu nehmen. Die Kuben erzeugen Räume, vielleicht auch eine gewissen Begrenztheit, aber ohne einzuengen. Die Glasarbeiten auf dem Boden (den Künstler habe ich mir leider nicht gemerkt) lassen mich hin- und herlaufen, die Spiegelungen betrachten, die Kombination der Farben des Bodens mit der ersten und mit der zweiten Glasplatte, dann noch eine in Beton eingehüllte Kette. Ach Eva Hesse! Ein Buch von ihr liegt gerade auf meinem Avantgarden-Stapel. Eine Pause bei Willi Baumeister, Erstaunen über die Hängung der Landschaftsbilder, Freude beim Entdecken von zeitgenössischen Arbeiten inmitten der "Alten Meister". Es gab in diesen neunzig Minuten noch viele weitere Oohs! und Aaah-Momente.


Ich glaube, ein Leben ohne Kunst funktioniert nicht. Und vielleicht kann ich hier die Brücke schlagen zu meinen zugegebenermaßen sehr weit auslaufenden Gedankenfragmenten. (Gute) Kunst gibt mir Ruhe, gibt mir ein echtes Glücksgefühl, Kunst lässt mich im Alltag Sehnsüchte haben, sie schafft Beziehungen, sie erklärt manchmal das Leben und die Geschichte. Sie ist also nicht mehr wegzudenken. Und umso glücklicher macht es mich, dass ich mich nicht nur privat, sondern auch im Studium und dann beruflich mit Kunst auseinandersetzen darf.

18. Juni 2015

getagträumt nach Paris


Als mein Freund für ein paar Tage geschäftlich unterwegs war und ich wieder einmal und ganz ungewohnt abends alleine zu Hause war (Anton schlief schon), hatte ich einen Tagtraum. Ich weiß nicht, woher ich die Zeit nahm und wie ich auf einmal sitzend, völlig in Gedanken vertieft abschweifen konnte. Wirklich, ich habe schon lange nicht mehr getagträumt. Nach Freud ist dieses Phantasieren im Erwachsenenalter ja ein Trieb der unerfüllten Wünsche, um eine Korrektur mit der "unbefriedigenden Wirklichkeit" zu vollziehen. Mit dem Zitat endet jedoch die Gemeinsamkeit mit Freuds Theorie, denn das Phantasieren wird in diesem Fall nicht von dem Wunsch nach Selbsterhöhung oder nach Trieberfüllung geleitet. Naja.

Dieser Tagtraum ist meines Erachtens ganz einfach zu entschlüsseln: es ging um Paris. Tatsächlich hatte ich seit der Paris-Woche hier auf dem Blog keine Entzugserscheinungen mehr und ich vertiefte mich derart in die Studieninhalte, dass ich kaum Sehnsüchte nach neuen Orten verspürte. Aber dann, eben für mich ganz plötzlich, träumte ich meinen Freund und mich nach Paris. Und obwohl ich Anton immer gerne um mich und uns habe, durfte dieser bei den Großeltern bleiben. Zu stark hatte ich noch den Eindruck unseres letzten Festivitäten-Besuchs im Hinterkopf, an dem wir nicht einmal unseren Kaffee leertrinken konnten, weil sich jemand partout nicht für unsere interessante Umgebung begeistern ließ. Und da gibt es ja auch ein paar Dinge, die man in Paris ganz wunderbar zu zweit machen kann. So hängt mir dieser Tagtraum noch ein wenig nach und erfüllt mich mit dieser ganz typischen Sehnsucht nach dieser Stadt, ganz gleich ob mit ganzer Familie oder als Pärchen.

1. Juni 2015

gelebt


Was bin ich froh, dass der Mail vorbei ist! Der Mai ist nämlich ganz traditionell von geschwollenen Augen und einer laufenden Nase geprägt. Mit dem Juni haben sich die Pollen glücklicherweise ein wenig ausgeflogen und alles beruhigt sich wieder.


gelebt: Lernen, lernen, lernen. Wenn ich nicht lateinische Texte übersetze, dann sitze ich über Bücher gebeugt, bereite Texte für die Seminare vor oder erarbeite die Referatsthemen. Ich werde fast jeden Tag mit einem Zeitproblem konfrontiert. Aber die Abende am Schreibtisch zahlen sich aus. Beim ersten Test in Latein machte ich keine Fehler. Als Gegenpol zur vielen Lernerei tat mir unsere Auszeit in Karlsruhe sehr gut. Ich verbrachte nicht nur einen sehr schönen Abend mit meiner Familie, sondern auch einen wirklich wunderbaren Tag mit meiner Freundin. Ich bin noch bis heute ganz inspiriert von unserem Mini-Trip, er hat mir einen ganz schönen Antrieb gegeben. Ich fotografierte zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder analog und machte einen Sperrmüllfund. Ich trank Unmengen an Kaffee, guten und schlechten und sehr guten. Wir haben unseren Balkon begrünt und uns über die erste Rosenknospe gefreut. Zum Muttertag bekam ich Pralinen und ein tolles Frühstück ans Bett. Wir waren wieder einige Male in Frankfurt, tobten auf vielen Spielplätzen und schmückten die Wohnung mit Blumen. Zu guter Letzt verbrachten wir wieder einmal mehr als vier Stunden (fast unnötigerweise) im Krankenhaus in der Notaufnahme. Wieder nichts schlimmes, alles gut.
gegessen bzw. gekocht und gebacken: einen leckeren Cheesecake mit unglaublich gutem Apfeltopping, Pancakes, Rhabarberstrudel von meiner Mutter, Indisch gekocht (Huhn in Mangosauce, Tamarinden-DAttel-Chutney, Koriander-Pesto)
ausgegangen: sehr guten Kaffee von Tornqvist auf den Mainzer Weintagen am Rhein, Lönneberga in Mainz, ein ganz besonderes Date im Laurenz in Mainz mit Käseplatte und Wein aus der Region, Café Palaver und Café Stazione in Karlsruhe, Restaurant Margarete und Café Opitz sowie das Café Brot und seine Freunde in Frankfurt, usw.
geklickt: Ich habe den guten Flow nach Karlsruhe ausgenutzt: die Zeitschrift KubaParis. Zeitschrift für junge Kunst fordert mich. Ich klicke mich durch die Seiten und lande auf diversen Ausstellungsorten in der Welt. Zum Beispiel das Weiße Haus in Wien, das Kunsthaus Glarus in der Schweiz,  das Goethe Institut Curatorial Residencies Ludlow 38 in NY. Ich lese Rezensionen und möchte direkt diese Ausstellung sehen. Es tut so gut, über Kunst zu lesen und sie zu sehen. Die Autocenter Summer Academy macht mich an und ich versetze mich gedanklich nach Wien, wo aktuell scheinbar Kunstkritiker fehlen. Auf Arte sehe ich die vierteilige Dokumentation Kunst lieben Kunst hassen mit Nicole Zepter und finde sie so amüsant. Habe auch gleich das dazu passende Buch Kunst hassen. Eine enttäuschte Liebe gekauft. 
ausgestellt: Historisches Museum Frankfurt und Goethehaus im Rahmen eines Blockseminars
gemacht: Geschenke gekauft und verpackt
gereist: Karlsruhe 
gekauft: Ich habe mich durch alle möglichen Kaffeesorten durchprobiert. Unter anderem aus den Röstereien Stern aus Frankfurt (Guatemala ist mein Favorit), Espresso Tostino aus Karlsruhe und Kaffeerösterei Kassel aus unserem Ort (auch Guatemala).
gewünscht: mehr Zeit. So klischeehaft und wiederholbar diese Aussage auch ist. Ich habe gerade zu wenig Zeit und zu viele Aufgaben.
gedacht: wie sehr ich doch mein Kunstgeschichtsstudium liebe. Wenn man weiß, dass man dort, wo man gerade steht, genau richtig ist. Zwei Blockseminare haben es mir wieder deutlich vor Augen geführt. Und ich kann meine Interessengebiete immer deutlicher eingrenzen. 
geärgert: Blütenpollen und lange Wartezeiten im Krankenhaus 
gefreut: über mitgebrachte Blumen aus Mutters Garten, über sehr guten Kaffee
geliebt: folgende Situation: ich muss lernen, es ist schon spät, Samstag Abend nach zwei Tagen Blockseminar, einer liegt noch vor mir. Ich muss ein Referat zu Ende machen, bin aber durch die Allergietablette müde, mit einem Kaffeedate mit meinem Freund um 22 Uhr aber ein wenig aufgeputscht. Ich schreibe und lese und vergesse die Zeit. Beste Begleitung: Singin' in the Night auf Arte. Hörproben und Konzertausschnitte von Lou Dillon, Zazie, Julie Doré und anderen französischen Künstlern. Großartig. Um halb drei war dann aber auch Schluss mit der Motivation.


25. Mai 2015

eine Mini-Tour durch Karlsruhe


Letzte Woche verschlug es uns für nicht einmal 24 Stunden nach Karlsruhe. Ich mag Karlsruhe. Ok, ich muss zugeben, ich kann mich von vielen Städten begeistern lassen. Denn so ein (kurzer) Städtetrip heißt nicht nur, dass ich aus Mainz raus komme (ich lebe nämlich gerne in Mainz, doch brauche ich in regelmäßigen Abständen kleine Auszeiten von diesem Ort), er befreit auch meinen Geist und bringt mir neue Inspiration. Wenn ein paar Eckpunkte stimmen, genieße ich es also sehr, eine "neue" Stadt zu entdecken. Es gibt andere Eindrücke, neue Cafés, neue Menschen, Ecken und Galerien, die man zuvor noch nicht gesehen hat. Und kennt ihr das Gefühl, sich selbst an diesen neuen Ort zu positionieren, zu überlegen, ob ihr vielleicht auch hier wohnen könntet? Ein Leben in einer fremden Stadt, man romantisiert die erlebten Momente und denkt sich in ein anderes Leben ein. Das ist meine melancholische Seite. Aber nur für einen Augenblick und dann bin ich wieder im Hier und Jetzt, in meinem guten Leben in Mainz und dem Städtetrip in der anderen Stadt.


Ich habe meine eigene kleine Geschichte zu Karlsruhe. Vor einigen Jahren besuchten wir einen Freund in seiner unheimlich coolen WG. Das Bett bestand aus Paletten und einer Matratze, der Schrank aus Röhren, die von der Decke hingen, die Küche hatte schwarze Wände und es gab extrem guten Kaffee aus der Siebträgermaschine. Für mich war es etwas ganz Besonderes, ich hatte ein ganz bestimmtes Lebensgefühl, das war "quality time". Ich lebte zu diesem Zeitpunkt noch in Aschaffenburg und war noch nicht so oft rausgekommen. Und damals lief ich das erste Mal durch Karlsruhe, trank Cocktails und Kaffee. Auch bei den anderen Besuchen genoss ich die Zeit sehr. Schwanger schaute ich mir an einem Sommertag die Jahresausstellung der Kunststudierenden in der Kunsthochschule und auf Schloss Scheibenhardt an. Was für wunderbare Räume! Ich besuchte eine gute Freundin und ihr schon ein paar Wochen altes Baby und fand es so schön, gemeinsam spazieren zu gehen. An einem anderen Tag trafen wir die beiden in der Kunsthalle (Degas-Ausstellung). Wir hatten nicht viel Zeit, aber diese Stunde lohnte sich sehr. Im März verbrachte ich fünf unglaublich spannende Tage in Karlsruhe, als ich im Badischen Landesmuseum auf einer Fortbildung war. Wie soll man denn das Gefühl beschreiben, wenn man nach über einem Jahr wieder fünf Tage am Stück alleine ist? Und mit bester Begleitung und tollem Programm? (Aber ich habe meine Männer trotzdem sehr vermisst!) Und nun hatten wir glücklicherweise wieder die Gelegenheit, nach Karlsruhe zu fahren.


Nach einem sehr großartigen Abend im Rahmen eines Geschäftstermins, einer Nacht in der Suite des Hotels und einem entspannten und leckeren Frühstück fuhren wir ins Zentrum. Anton und ich hatten an diesem Vormittag nur wenige Stunden, die wir verbummeln konnten. Meinen uni-freier Tag nutzte ich ausnahmsweise mal nicht zum Lernen, sondern genoss ihn unter der Sonne mit lieben Menschen und viel Kaffee.


Kommt ihr mit auf unsere kleine Tour? Wir haben nicht viel gesehen und wenig gemacht, aber diese Stunden waren ganz großartig.

Unser Startpunkt ist der Friedrichsplatz. Direkt vor dem Naturkundemuseums erstreckt sich diese kleine begrünte Fläche mit Brunnen und Fontäne. Wir haben Glück mit dem Wetter; die Sonne scheint und es gibt noch eine leichte Morgenfrische. Unsere Mini-Tour führt uns in die Erbprinzenstraße. Auf der rechten Seite gibt es ein Einkaufszentrum und gegenüber steht die IHK, in deren großen Garten wir am Abend zuvor bei einer Feier leckeren Weißwein getrunken haben. Ein schöner Abend war das. Und während ich noch darüber nachdenke, überqueren wir schon den Rondellplatz, der gerade von einer Baustelle überbaut ist. In Karlsruhe gibt es gerade überall Baustellen. Wirklich überall. Bis wohl 2020 soll ein großes unterirdisches U-Bahn-System aufgebaut werden. Schade, dass die Stadt zu ihrem 300-jährigen Geburtstag von Baustellen übersät ist. (Es gibt sogar schon Postkarten, auf denen die Baustellen als Symbol für die Stadt gelten.) Nun kommen wir in die Markgrafenstraße. Es stehen zwei Polizeiautos auf dem Seitenstreifen und Anton freut sich riesig. Tatuutata. Wir bleiben für ein paar Minuten stehen und beobachten die Autos. Kurz darauf wird die Straße von der Kreuzstraße gekreuzt. Wir hören tobende Kinder, die gerade im Hof der Schule Pause machen. Auf der anderen Seite gibt es eine kleine Galerie eines Fotografen, in die ich hineinspähe. In dieser Straße gibt es viele Fensterläden, die noch geschlossen sind. Mir hat es vor allem das grüne Haus angetan und ich mache Fotos von und mit Anton. Ganz nah bei uns sitzen einige Leute auf den Vorsprüngen der Fensterläden oder auf kleinen Hockern auf dem Gehsteig. Wir nähern uns diesem Ort und sehen ein sehr kleines und wirklich feines italienisches Café. Es scheint ein It-Place zu sein. Man steht dicht gedrängt im kleinen Raum, unterhält sich mit dem Nachbarn, trinkt seinen Espresso. Ich weiß, dass wir hier im Café Stazione  eigentlich verweilen müssten, aber mich drängt es raus. Ich möchte noch spazieren gehen, bevor wir unsere Freundin treffen. Deshalb bekomme ich (widerwillig mit Humor) einen Coffee to go, dränge mich an den hippen Menschen vorbei und laufe zurück auf die Markgrafenstraße. Dort erlebe ich einen besonderen Aha-Moment. Ich erkenne eine rote Tür wieder, die ich vor vielen Jahren schon einmal gesehen und betreten habe. Hier ist Carlos Cocktailbar, in der ich zum ersten Mal einen Monkey47 getrunken habe. Jetzt füllen sich langsam wieder die Lücken und ich versuche meine Erinnerungen zusammenzusetzen. Nur wenige Schritte weiter sitzen vor dem Café Bohne junge Menschen und genießen die Sonne. Noch mit dem Kaffee in der Hand, entschließe ich mich, weiterzugehen. Wir bleiben auch nicht am Lidellplatz stehen, obwohl es hier einen Spielplatz und einen Bücherschrank gibt. Anton und ich laufen ein bisschen weiter und entscheiden uns spontan, nach links in die Adlerstraße zu gehen. Eine Frau kommt auf uns zu und fragt, wie alt Anton denn sei. Er sei ja schon so groß. Und so freundlich. Sie würde bald die Kinder ihrer Nichte sehen, die eineinhalb und drei Jahre alt sind. Die Straße ist nicht sehr schön, aber das stört auch nicht. Ich möchte Anton vor zwei an die Wand gesprühte Menschenfiguren fotografieren und er rennt mir davon, am liebsten auf die Straße. Wir nähern uns dem Schloss. Oh, dieses wunderschöne Schloss, das morgens von der Sonne angestrahlt wird. Es bleibt zu wenig Zeit, um ins Badische Landesmuseum zu gehen. Wir bleiben auf dem Schlossplatz, jagen Tauben und machen Fotos. Und schon gehen wir die gleiche Strecke wieder zurück. Unsere gute Freundin wartet schon auf uns am Lidellplatz und führt uns in einen Hinterhof. Unter der Hausnummer 23 der Steinstraße vertecken sich nicht nur einige Ateliers und ein Fahrradreparaturladen, sondern auch das Café Palaver. Ich bin ganz begeistert von diesem Café, das sehr familienfreundlich ist. Es gibt eine Spielecke, für die sich Anton leider kaum interessiert, einen Wintergarten und einen großen Hof. Anton ist total aktiv und läuft ständig hin und her. Ich komme kaum zur Ruhe, aber es ist dennoch schön, dass ich meine Freundin wieder sehen kann. Nach dem Kaffee entscheiden wir uns, spazieren zu gehen. Anton schläft direkt ein und ich genieße diese Ruhe. Wir können uns nun besser auf uns konzentrieren. Nach nur wenigen Schritten haben wir Lust, im Café Stazione einzukehren. Wieder einmal. Wir finden einen schönen Platz in der Sonne auf dem Gehsteig. Beim Bestellen plaudern ich mit dem Barista und kaufe Bohnen für zu Hause. Wie ich mich auf diesen Kaffee freue. Meine Freundin und ich haben Zeit, um uns auszutauschen. Es tut so gut. (Das Einzige, was an unserer Freundschaft stört, ist die Entfernung!) Wir reden und reden, die Zeit verfliegt dann doch viel zu schnell, wir müssen schon wieder aufbrechen. Am Friedrichsplatz treffen wir meinen Freund. Er hat mir wunderschöne Ranunkeln gekauft. Schon müssen wir au revoir sagen und können uns auf das nächste Mal freuen.


Die Stunden in Karlsruhe sind immer schön, sie sind von lieben Begegnungen, Kunst und Kaffee geprägt und bleiben so gut in Erinnerung. Kennt ihr das auch? Dieses gute Gefühl, wenn ihr an eine Stadt denkt?